* 4 *

Kurz vor Tagesanbruch stieg Merrin aus dem Bett, wankte, noch halb schlafend, in das düstere Observatorium und steuerte auf die Glühraupentonne zu. Müde schöpfte er frische Glühraupen in eine Glaslampe, die er für die Reise brauchte, und erst als er den Deckel wieder auf die Tonne knallte, öffnete er vollends die Augen – und schrie. Er hatte die Gespenster ganz vergessen. Ein gutes Dutzend drängte sich um die Glühraupentonne und beobachtete jede seiner Bewegungen. Die übrigen wanderten, wie von einem unsichtbaren Wind getrieben, ziellos umher.
Nun, da er wusste, dass die Gespenster ihn auf Schritt und Tritt beobachteten, tappte Merrin in Simons spärlich möbliertes Zimmer, schloss den Schrank auf und nahm einen kleinen schwarzen Kasten heraus, auf dem »Spürnase« stand. Mit den Ellbogen bahnte er sich einen Weg zurück durch die Menge der anhänglichen Gespenster und stopfte Spürnases Kasten zusammen mit ein paar anderen Kostbarkeiten in einen Rucksack. Dann schulterte er den Rucksack und holte tief Luft. Es war Zeit zu gehen, doch in diesem Moment erschien ihm selbst das kalte, gruslige, feuchte, abgeschiedene und von Gespenstern wimmelnde Observatorium noch um vieles verlockender als die Reise, die vor ihm lag. Zuerst musste er die dunkle steile Treppe mit ihren vielen hundert in den Fels gehauenen, schlüpfrigen Stufen hinabsteigen, dann an der alten Kammer der Magogs vorbei und durch die lange, schleimige Wurmhöhle schleichen. Aber Merrin wusste, dass er keine andere Wahl hatte. Es musste sein.
Falls er gehofft hatte, die Gespenster hätten ihre Aufgabe erfüllt und würden im Observatorium bleiben, so wurde er enttäuscht, als er sich nach den ersten paar Stufen umdrehte und hinter sich eine lange Reihe von Gespenstern sah. Mit Knuffen und Tritten bahnten sie sich einen Weg zur Treppe. Na prima, dachte Merrin, einfach prima.
Eine halbe Stunde später stand er im Eingang der zweckentfremdeten Wurmhöhle, aber er war nicht allein. Alle sechsundzwanzig Gespenster drängten sich hinter ihm. Er spürte ihre Blicke im Nacken und bekam davon ein eisiges Kribbeln. Mit seinen schmutzigen Fingern nervös an die schleimige Höhlenwand trommelnd und in der feuchten Luft fröstelnd, spähte er zu dem dunklen Horizont über den Felsspitzen auf der anderen Seite der Schlucht.
Am liebsten hätte er die Wurmhöhle auf der Stelle verlassen, doch er wollte warten, bis sich die ersten gelben Streifen der Dämmerung am Himmel zeigten. Es war gefährlich, sich bei Nacht in den Schieferbrüchen der Ödlande im Freien aufzuhalten. Und im Lauf der Jahre hatte er genug blutrünstige Geschichten gehört, um zu wissen, dass es in der Dämmerung am gefährlichsten war. Denn um diese Zeit waren die Landwürmer unterwegs – am Abend beendeten sie ihr eintägiges Fasten, und bevor sie am Morgen in ihre Höhlen zurückkrochen, versuchten sie, einen letzten Leckerbissen zu erbeuten, der ihnen über den langen Tag hinweghalf, den sie zusammengerollt im Innern der eiskalten Schieferfelsen verschliefen.
Zehn lange und kalte Minuten später glaubte Merrin, die Umrisse der gezackten Felsen gegenüber deutlicher zu erkennen. Und während er sie noch beobachtete, bemerke er knapp unter dem Horizont eine langsame, gleitende Bewegung, die ihm verriet, dass die Dämmerung nahe sein musste – ein Landwurm kehrte in seine Höhle zurück. Fasziniert beobachtete er, wie der scheinbar endlose, walzenförmige Leib der Kreatur in der Felswand jenseits der Schlucht verschwand. Er fragte sich, wie viele Landwürmer in diesem Augenblick wohl auf seiner Seite der Schlucht dahinglitten, vielleicht nur ein paar Schritte von ihm entfernt, denn er wusste, dass Landwürmer so lautlos wie die Nacht waren. Das einzige Geräusch, das, wenn man Glück hatte, ihr Kommen ankündigte, war das Gepolter eines Steins, der sich löste, wenn sie zum tödlichen Angriff ansetzten. Im selben Augenblick rieselten kleine Steine von der Felswand über Merrin herab, und erschrocken sprang er zurück. Wie eine Reihe Dominosteine taten sechsundzwanzig Gespenster hinter ihm dasselbe.
Merrin schlug das Herz bis zum Hals. Sosehr er sich auch danach sehnte, den Gespenstern zu entkommen, so beschloss er doch, erst wieder einen Fuß vor die Höhle zu setzen, wenn die Sonne sich zeigte und er sich vollkommen sicher fühlen konnte. Doch die Sonne tat ihm den Gefallen nicht. Der Himmel blieb düster und grau, und Merrin wartete und wartete ... Schließlich, als er schon überzeugt war, dass er sich ausgerechnet den Tag in der gesamten Geschichte der Welt ausgesucht hatte, an dem die Sonne überhaupt nicht aufging, sah er doch eine wässrig weiße Scheibe über den dunklen Felsen langsam in den Himmel steigen. Endlich konnte er gehen.
Aber vorher musste er noch die Gespenster loswerden. Er hatte keine Lust, auf dem weiten Weg zur Burg eine lange Reihe hässlicher Gespenster mitzuschleppen. Das kam nicht in Frage. Er wandte sich an das erste Gespenst in der Reihe. »Ich habe meinen Mantel im Observatorium liegen lassen«, sagte er. »Hol ihn mir.«
Das Gespenst blickte verwundert. Der Meister hatte seinen Mantel doch an.
»Hol ihn!«, schrie Merrin. »Das gilt für euch alle – holt meinen Mantel!«
Kein Helfergespenst darf seinem Herrn den Gehorsam verweigern. Mit vorwurfsvollen Blicken, denn Merrins Helfergespenster waren nicht dumm, trotteten sie in die alte Wurmhöhle zurück. Sie waren nicht überrascht, als ihnen ein lauter Bums, gefolgt von einem kräftigen Luftzug, verriet, dass Merrin den Eingang mit dem mächtigen Eisenspund verschlossen hatte. Mit enttäuschten Mienen machten sich die Gespenster an die Ausführung ihres Befehls, und alle bis auf eines suchten noch nach dem nicht vorhandenen Mantel, als ein paar Tage später Simon und Lucy zurückkehrten.
Was Merrin nicht wusste: Eines der Gespenster, nämlich das, bei dessen Beschwörung er die Zauberformel rückwärts gesprochen hatte, war nicht verpflichtet, seinem Herrn zu gehorchen. Und so kam es, dass sich der große Eisenspund zur Wurmhöhle ein zweites Mal öffnete, als Merrin bereits fort war. Das Gespenst schlüpfte heraus und heftete sich an die Fersen desjenigen, der es gerufen hatte. Und über seiner Schulter hing ein schmutziger Sack voller Knochen. Das Gespenst war rasch zu der Erkenntnis gelangt, dass sein neuer Meister jede Hilfe brauchen würde, die er kriegen konnte. Und vielleicht war ein Sack voller schwarzmagischer Knochen genau die Hilfe, die er nötig haben würde.
Merrin folgte dem Pfad, der an den Schieferfelsen entlang in die Ackerlande führte. Er kannte diesen Teil des Weges gut und ließ sich nicht beirren, als ihm hinter der ersten Biegung ein Bergrutsch den Weg versperrte. Aufgeregt und leicht beklommen kletterte er die schlüpfrigen Steine hinauf. Er hütete sich, zu schnell zu gehen, denn er hatte Angst, einen Stein loszutreten und mit ihm hundert Meter tief in den reißenden Fluss zu stürzen. Er kam sicher oben an und glitt vorsichtig auf der anderen Seite hinunter. Doch auf halber Höhe rutschten seine Füße weg, und etliche kleine Steine fielen prasselnd in die Schlucht. Merrin erstarrte und hielt den Atem an. Jede Sekunde konnte sich eine Steinlawine in Bewegung setzen und ihn mit in die Tiefe reißen. Doch das Glück blieb ihm treu, und er setzte, noch vorsichtiger jetzt, seinen Weg fort. Ein paar Minuten später hatte er wieder den festen Boden des Felspfades unter den Füßen. Er stieß einen triumphierenden Schrei aus und reckte die Faust in den Himmel. Er war frei!
Begleitet vom Tosen des Flusses tief unten auf dem Grund der Schlucht, marschierte Merrin zügig den Pfad entlang. Er sah sich kein einziges Mal um. Und hätte er es getan, so hätte er das Gespenst wahrscheinlich gar nicht bemerkt, denn es verschmolz mit den Schatten und nahm die Gestalt der Felsen an, an denen es vorüberkam, wie Gespenster es immer tun, wenn sie unbemerkt bleiben möchten.
Bald blieben die düsteren Schieferfelsen der Ödlande hinter Merrin zurück, und er näherte sich den Oberen Ackerlanden mit ihren verstreut liegenden Berghöfen. Diese Gegend war ihm nicht vertraut, doch er folgte einem breiten ausgetretenen Feldweg. Als er an eine Weggabelung gelangte, wurde er mit einem Wegweiser aus Stein belohnt. In den hohen Pfahl aus Granit waren ein Pfeil, der nach rechts zeigte, und ein Wort gemeißelt: BURG. Merrin lächelte. Mit selbstsicherem Schritt nahm er die rechte Abzweigung.
Es war ein kühler Frühlingstag, und die Sonne, die langsam hinter den tief hängenden, dichten Wolken heraufstieg, spendete nur wenig Wärme. Doch Merrin schritt so tüchtig aus, dass ihm nicht kalt wurde. Bald machte sich ein vertrautes Gefühl der Leere in seinem Magen bemerkbar. Er war es gewohnt, Hunger zu leiden, aber nun, da er ein freier Mensch war, hatte er nicht die Absicht, dies zum Dauerzustand werden zu lassen.
Als er mit beschwingten Schritten dem Weg folgte, der sich zwischen frisch bepflanzten Weinbergen und Obstwiesen hindurchschlängelte, erblickte er in nicht allzu weiter Ferne ein kleines Bauernhaus aus Stein. Es lag halb versteckt in einer Senke. Er verfiel in Laufschritt. Ein paar Minuten später trat er auf einen großen, von baufälligen Schuppen umringten Hof, der verlassen war, nur ein paar schmutzige Hühner pickten zwischen dem Unkraut nach Körnern. Vor ihm erhob sich ein breites, flaches Bauernhaus, dessen Vordertür halb offen stand. Merrin ging auf die Tür zu, und der Geruch von frisch gebackenem Brot stieg ihm in die Nase.
Sein Magen schlug einen doppelten Purzelbaum. Er musste dieses Brot haben. Ohne die Tür zu berühren, die so aussah, als quietsche sie fürchterlich, schlüpfte er ins Haus. Er gelangte in einen langen, dunklen Raum, der nur von einem glimmenden Herdfeuer an der hinteren Wand erhellt wurde. Er blieb stehen und sah sich um. Es war niemand zu Hause, dessen war er sich sicher. Der Brotbäcker oder die Brotbäckerin war offensichtlich anderweitig beschäftigt, und diese einmalige Gelegenheit wollte er sich nicht entgehen lassen.
Wie eine Katze schlich er lautlos über den Lehmfußboden, vorbei an einem großen Heuhaufen und einem Stapel Holzkisten. Doch dann unterlief ihm ein Fehler, der einer Katze nicht unterlaufen wäre: Er trat auf ein Huhn. Laut gackernd und wild mit den Flügeln schlagend stieg die blinde alte Henne in die Luft. »Pst!«, zischte Merrin verzweifelt. »Pst, du blöder Vogel!« Die Henne nahm davon keine Notiz, flog einen Bogen seitwärts und krachte in eine saubere Reihe von Bohnenstangen, die an der Wand lehnten. Mit dem lautesten Klappern, das Merrin jemals gehört hatte, fielen die Stangen zu Boden, und im nächsten Augenblick nahten eilige Schritte.
Die Silhouette einer wohlbeleibten, mütterlich aussehenden Frau erschien in einer Tür am anderen Ende des Raums. Merrin duckte sich hinter den Kistenstapel. »Henny!«, rief die Frau und lief nur wenige Schritte entfernt an ihm vorbei. Sie stolperte im Dunkeln über die Henne und nahm sie auf den Arm. »Du dummes Huhn. Komm, Zeit für dein Frühstück, mein Liebling.«
Zeit für mein Frühstück, meinst du wohl, dachte Merrin, den es ärgerte, dass eine zerrupfte alte Henne auf dem Arm getragen, mit einem Frühstück verwöhnt und Liebling genannt wurde, während er sich mit knurrendem Magen im Dunkeln verstecken musste. Wäre die Frau über ihn gestolpert, wäre die Sache bestimmt ganz anders ausgegangen. Er hielt den Atem an, als die Frau mit dem Huhn wieder dicht an ihm vorbeiging. Seine dunkelgrauen Augen folgten ihr, bis sie durch die Vordertür im Sonnenschein verschwunden war, dann schoss er wie ein schwarzer Blitz zum Ofen, zog sich die Ärmelenden über die Hände, riss die Ofentür auf und holte den großen runden Brotlaib heraus.
»Ah ... aah ... aaaah!«, stöhnte er leise und hüpfte von einem Fuß auf den anderen, denn die Backofenhitze des Brotes drang rasch durch seine Ärmel. Den Laib wie eine heiße Kartoffel jonglierend, flitzte er zur nächsten Tür hinaus, rannte hinten um das Bauernhaus herum und fand sich auf dem Hof wieder. Ein Hühnervolk, das gerade von der Frau gefüttert wurde, deren Brot er noch jonglierte, versperrte ihm den Fluchtweg. Die Hühner begannen aufgeregt zu gackern, und die Frau schaute auf.
»He!«, rief sie.
Merrin blieb stehen, unschlüssig, was er tun sollte. Sollte er umkehren und ins Haus zurückrennen, auch auf die Gefahr hin, dass er dort dem Bauern oder einem kräftigen Knecht in die Arme lief? Oder sollte er einfach geradeaus weiter zur Straße rennen?
»Das ist mein Brot!«, rief die Frau und kam auf ihn zu.
Merrin blickte hinab auf den Laib, als sei er überrascht, ihn zu sehen. Dann fasste er einen Entschluss und stürmte los, schnurstracks auf die Hühner zu. Unter lautem Gegacker und Gekreische stoben die Vögel auseinander. Federn flogen, als Merrin mitten durch den Haufen preschte und dabei ein paar gezielte Tritte austeilte.
Innerhalb von Sekunden war er auf der Straße und rannte davon. Nur ein einziges Mal schaute er sich um und sah, dass die Frau mitten auf der Straße stand und die geballte Faust hinter ihm her schüttelte. Da wusste er, dass er außer Gefahr war. Sie verfolgte ihn nicht.
Was Merrin nicht sah, teils weil es helllichter Tag war und Gespenster bei Tageslicht schlecht zu erkennen sind, hauptsächlich jedoch, weil er gar nicht damit rechnete, dergleichen hier zu sehen, war das Gespenst, das ihm in einigem Abstand folgte. Wie ein Strom schmutzigen Wassers strich es an den Hecken entlang.
Was Merrin ebenso wenig sah, als er, das mittlerweile angenehm warme Brot im Arm, das Weite suchte, war, dass neben der Straße eine braune Ratte im Gras saß. Doch die Ratte sah ihn. Stanley, Ex-Botenratte und ehemaliges Mitglied des Rattengeheimdienstes, hütete sich, Merrin zu nahe zu kommen, vor allem seinen Stiefeln. Doch alte Geheimdienstgewohnheiten ließen sich nicht so leicht abschütteln, und so wollte Stanley gern wissen, wohin Merrin unterwegs war. In seinen Augen war der Knabe ein Tunichtgut.
Stanley kam gerade von einem mehrwöchigen Besuch bei Humphrey zurück, seinem ehemaligen Chef im Botenrattendienst, der ungefähr sechs Monate zuvor vor den Rattenwürgern aus der Burg geflohen war. Obwohl Humphrey seinen Ruhestand im Apfellager einer kleinen Mostkelterei in vollen Zügen genoss und nicht an Rückkehr dachte, hatte er Stanley dazu zu überreden versucht, den Rattenbotendienst wieder aufleben zu lassen. Stanley hatte versprochen, darüber nachzudenken.
Jetzt beobachtete Stanley, wie Merrin an einer Kreuzung stehen blieb. Der Junge betrachtete eine Weile die Wegweisersteine und schlug dann die Richtung zur Burg ein. Stanley sah ihm nach, wie er die Straße hinunterging. Wenn solche Leute zur Burg gingen, so sagte er sich, könnte eine Botenratte unter Umständen dringend gebraucht werden. Er schloss einen Pakt mit sich selbst: Er wollte Merrin beschatten, und wenn der Knabe tatsächlich in die Burg ging, würde er sich bei Humphrey Rat holen.
Und so kam es, dass zwei sehr unterschiedliche Geschöpfe Merrin auf den gewundenen Wegen durch die Ackerlande folgten. Beflügelt von seiner wiedererlangten Freiheit, kam Merrin zügig voran, und als es dämmerte, tauchte in der Ferne die Burg auf. Müde jetzt, schleppte er sich mit schweren Schritten an dem letzten Gehöft vor dem Fluss vorbei. Sehnsüchtig blickte er zu dem von Kerzen erleuchteten Fenster des Bauernhauses, hinter dem eine Familie beim Abendbrot saß, doch er ging weiter seines Weges, der ihn nun durch ein kleines Gehölz führte. Eine letzte scharfe Biegung, und er trat unter den Bäumen hervor und stand unvermittelt am Ufer des Flusses. Verwundert sank er ins Gras und machte große Augen. So etwas hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen.
Auf der anderen Seite des breiten, behäbigen Flusses ragte eine hohe Mauer aus Lichtern in den nächtlichen Himmel und warf funkelnde Spiegelbilder auf das dunkle Wasser. Hinter den Lichtern waren schemenhaft die Häuser der Burg zu erkennen. Merrin wusste, dass dort Tausende Menschen wohnten, und zu jedem gehörte ein Licht. Sie lebten ihr Leben und gingen ihren Geschäften nach, ohne an den Jungen zu denken, der am gegenüberliegenden Ufer saß. Mit einem Mal kam sich Merrin sehr klein und einsam vor.
Er starrte zu den Lichtern hinüber, widerstand aber dem Verlangen, sie zu zählen – er neigte sehr dazu, Dinge zu zählen –, und bald nahmen die Schatten dahinter Gestalt an, sodass er Einzelheiten erkannte. Er sah die hohen Mauern der Anwanden, die sich kilometerweit am Fluss hinzogen. Und in der Stille am Ufer vernahm er das Geplapper und Gelächter von Stimmen, die über das Wasser wehten. Er sah die verlassenen schwimmenden Stege am alten Hafen und die Umrisse verrottender Kähne. Und als er ganz genau hinschaute, die Augen geweitet wie die einer Eule, machte er eine Leiter aus Lichtern aus, die, lila und golden flackernd, unfassbar hoch in den Himmel reichten. Auf der Spitze der Leiter saß eine goldene Pyramide, die in einem unheimlichen lila Licht leuchtete und die tief hängenden Wolken anstrahlte.
Ein Schauder überlief Merrin. Er wusste, was das war – der Zaubererturm. Vor langer Zeit hatte er dort mehrere unglückliche Monate mit seinem alten Meister DomDaniel zugebracht. Und dort lebte jetzt, wie er in plötzlich aufwallendem Zorn dachte, dieser Junge, der sich Septimus Heap nannte. Bestimmt saß er gerade am warmen Kamin, aß zu Abend, redete über Zauberdinge und fand Gehör, als wäre es von Bedeutung, was er sagte. Aber nicht mehr lange, dachte Merrin. Er strich mit dem Zeigefinger über die kalte Oberfläche des doppelgesichtigen Rings, der immer noch etwas zu fest an seinem Daumen saß, und lächelte.
Mit einem Ruck erhob er sich aus dem feuchten Gras und eilte, so schnell er konnte, weiter. Er wusste, dass er erst morgen früh in die Burg konnte, wenn die Zugbrücke wieder herabgelassen wurde, und er brauchte noch einen Schlafplatz für die Nacht. Der Weg führte ihn wieder vom Fluss weg und durch schlammige, von hohen Hecken gesäumte Felder. Hinter dem letzten Acker tauchten die Lichter des Gasthauses Zum Dankbaren Steinbutt vor ihm auf. Seine Hand in der Tasche umschloss den Beutel mit Simons geheimem Geldvorrat, den er gestohlen hatte. Es wurde Zeit, sagte er sich, dass er etwas von seinem sauer verdienten Geld ausgab.
Stanley beobachtete, wie er die Tür zum Wirtshaus aufstieß und in das warme, gastliche Licht trat. Kein Zweifel, Merrin wollte zur Burg. Der Dankbare Steinbutt stand zu Recht in dem Ruf, ein Spukhaus zu sein. Dort stiegen nur Reisende ab, die warten mussten, bis am nächsten Morgen die Zugbrücke der Burg heruntergelassen wurde.
Während die Ratte davonhuschte, strebte das Gespenst mit federnden Schritten zur Tür des Gasthauses. Doch es wagte sich nicht hinein. Es nahm mit einer dunklen Ecke auf der Veranda vorlieb und legte sich auf eine der stehenden Bänke, neben sich den Sack mit den Knochen, der ihm in der Nacht Gesellschaft leisten sollte. Das hagere Gesicht des Gespenstes sah nicht unbedingt zufrieden aus, aber unzufrieden wirkte es auch nicht. Würde man ein Gespenst fragen, was es sich unter einer schönen Nacht vorstelle – was seltsamerweise noch nie jemand getan hat –, so würde »mit einem Sack Schwarzkünstlerknochen vor einem Spukgasthaus sitzen« wahrscheinlich ganz oben auf seiner Liste stehen.